Sonntag, 30. August 2020

Was tun gegen tschechische Mäuse?

Mäuse sind ja eigentlich ganz putzige Tierchen. Allerdings gehören sie wahlweise nach draußen in die Natur, in ein Terrarium oder in einen Zoo. Wenn ich abends auf einem Sofa sitze und eine Maus über die Sofalehne krabbelt, ist das nicht ganz richtig. Und wenn sie nachts im Schlafzimmer andauernd an irgendetwas knabbert, ist an Schlaf nicht mehr zu denken.
Hier also ein Ratgeber, was mit einer tschechischen Maus in einem tschechischen Haus zu tun ist.

A. Die Zugänge blockieren

Wie kommen die Mäuschen überhaupt in die Wohnung rein? Die Frage lässt sich leicht beantworten, wenn an mehreren Stellen offene Röhren in der Wand klaffen und einige davon bereits mit Alufolie verstopft sind. Durch die alten Heizungsrohre kommen die Tierchen problemlos aus dem Keller nach oben. Im Schrank liegt noch eine angebrochene Rolle Alufolie. Die Lösung scheint einfach.

1. Stopfen Sie also die verbliebenen Löcher mit einem dicken Pfropfen aus der verbliebenen Alufolie zu.

2. Lauschen Sie die ganze Nacht, wie eine Maus versucht, den Pfropfen durchzunagen: Krrpkrrpkrrp. Fragen Sie sich, wer zuerst nachgibt: dickes zerknülltes Aluminium oder Mäusezähne? Stopfen Sie besorgt etwas Folie nach.

3. Hören Sie nach mehreren Nächten dennoch auf einmal: Krrpkrrpkrrppop… raschel, raschel. Die Maus hat es geschafft. Verstopfen Sie das Loch mit zunehmender Verzweiflung wieder.

4. Finden Sie erst nach vielen Wochen heraus, wo die meisten Mäuse tatsächlich herkommen: unter dem Klo. Öffnen Sie dazu die Klotür und sehen Sie zufällig eine Maus unter dem Porzellanklosett verschwinden. Entdecken Sie einen winzigen Spalt, durch den selbst der dünne Mäusekörper gerade so passt. Der wäre ihnen ansonsten nie aufgefallen. Verstopfen Sie ihn mit dem letzten Rest an Alufolie, bevor die Rolle leer ist. Hoffentlich gibt es nicht noch mehr solche unsichtbaren Zugänge in der Wohnung.

B. Die Mäuse fangen

Selbst wenn Sie es schaffen, wirklich alle Zugänge zu verschließen, sind ja trotzdem schon Mäuse in Ihrer Wohnung. Und mit den Lebensmitteln, die hier liegen, wird es denen hier drin bis an ihr Lebensende vermutlich besser gehen als draußen. Wie werden Sie die Gäste also los?
Die Tschechen sagen: Hier haste ne Falle, bring sie halt um. Die Deutschen sagen: Das kannst du doch nicht machen, versuch die erst mal auf der Wiese auszusetzen. Die Tschechen sagen: Dann ist die ruckzuck wieder bei dir in der Wohnung.
Ist es albern, sich Vorwürfe für das Töten einer Maus zu machen? Die will Ihnen (anders als die Mücken, die Sie zerklatschen) ja nicht einmal schaden, sondern nur essen und überleben.
Die tschechische Mentalität lässt nicht unbedingt darauf schließen, dass es im Dorf oder in der nächsten Kleinstadt so etwas wie Lebendfallen zu kaufen gibt. Mitten in diesem internationalen ethischen Konflikt ist es an Ihnen, zu improvisieren.

1. Erfinden Sie eine Lebendfalle mit dem, was Ihnen zur Verfügung steht. Alles, was Sie dazu brauchen, ist
  • ein Papierkorb mit fest verbundener Klappe
  • eine Schnur
  • ein Stück knochentrockenes (Das ist wichtig!) Hörnchen
  • Sie selbst, im Bett, lauschend
2. Sobald die Maus nachts im Papierkorb lautstark am Hörnchen knabbert, ziehen Sie stark an der Schnur. Der Papierkorb richtet sich auf, die Klappe schließt sich, die Maus sitzt fest.


3. Übergeben Sie die Maus an Ihre deutsche Verwandtschaft und schauen Sie zu, wie diese vergeblich versuchen, das Tier im heimischen Terrarium zu integrieren. Diese haben irgendwo gehört, dass es helfen soll, Mäuse mit demselben Duft zu besprühen, damit sie sich gegenseitig akzeptieren. Dies ist allerdings vollkommener Blödsinn. Überlegen Sie, ob es nicht gnädiger gewesen wäre, die Maus in Tschechien sofort zu töten.


4. Verschenken Sie die Maus schließlich zusammen mit der Verwandtschaft heimtückisch auf einem Gewinnspiel während einer Familienfeier. Die Aufgabe ist, sich einen Namen für die Maus auszudenken. Was der Preis ist (die Maus selbst), verraten Sie erst hinterher.

5. Eine andere, ganz simple Lebendfalle ergibt sich, falls eine Maus morgens einfach mal in ihren Rucksack klettert: Reißverschluss zu, fertig. Öffnen Sie den Rucksack draußen in Gegenwart eines streuenden Katers. Dann war ihr Tod zumindest zu etwas gut.

C. Die Mäuse töten

Einige Wochen ist Ruhe, dann geht es wieder los. Die Mäuse kehren zurück, vermutlich haben Sie ihre Schwäche längst erkannt. Sie können nicht jede Nacht eine lebend fangen, und auch der Kater ist nicht immer da, wenn Sie ihn suchen. Geben Sie also auf und verfahren Sie nach der tschechischen Methode.

1. Lassen Sie sich Giftkügelchen geben und verteilen Sie diese auf Deckeln in der Wohnung. Berühren Sie das Gift nicht. Erhalten Sie ein Achselzucken auf Ihre Frage, ob sich die vergiftete Maus nicht in einen Winkel der Wohnung zurückzieht, dort stirbt, verwest und stinkt.

2. Hat dies keine ausreichende Wirkung erzielt, verteilen Sie weiße zuklappende Mäusefallen mit Katzenfutter drin in den Zimmerecken neben den Röhren und neben dem Biomüll.

3. Fangen Sie sechs Mäuse innerhalb von zwei Tagen und werfen Sie sie weg. Dann ist Ruhe. Ihr schlechtes Gewissen ist beinahe verschwunden, Sie sind nur noch froh, dass es vorbei ist - wenn auch nicht für immer.

Samstag, 29. August 2020

Tschechische Zimmer

Int schechischen Häusern und Höfen gibt es ein Wohnzimmer (obyvák), ein Kinderzimmer (děcák) und eine Küche (kuchyň) wie woanders auch - jedoch auch einige Zimmer, die man so nicht unbedingt in Deutschland findet.
Die typische Endung für ein Zimmer ist -ák. Děcák bedeutet zum Beispiel wörtlich "Kinderák".

Šatna (Ankleidezimmer)

In Deutschland gibt es Ankleidezimmer fast nur bei Reichen, und deren Ankleidezimmer haben nicht viel mit einer tschechischen Šatna zu tun.
Es handelt sich hierbei um einen muffigen, dunklen und meist fensterlosen Raum voller Schränke, in denen dicke Wintersachen und andere Kleider gelagert werden, die man nicht unbedingt täglich anzieht. Eine Šatna muss einfach sein, selbst wenn die beiden Kinder deshalb kein eigenes Zimmer haben und zusammengepfercht werden.
Im Übrigen bedeutet Šatna auch so viel wie Umkleide oder Garderobe, man findet das Wort also auch in Schwimmhallen und Theatern.

Záchod (Toilette)

Die Toilette befindet sich fast immer getrennt vom Rest des Bades in einem winzigen Zimmer, manchmal mit winzigen Waschbecken. Neben diesem Klokabuff liegt das große Bad (koupelna) mit Dusche, Wanne und Zahnbürsten - jedoch ohne WC.

Draußen findet man außerdem häufig die kulna (rostige Scheune) und natürlich den bazén (Pool).

Freitag, 28. August 2020

Flüsse: Morava (March)

Das hier ist der Berg Králický Snežník (unschöne Eindeutschung: Glatzer Schneeberg). Er trägt denselben Namen wie das Gebirger ringsherum: Králický Snežník (leicht veränderte Eindeutschung: Glatzer Schneegebirge). Dieser berühmte Berg liegt am Ende einer Tal-Sackgasse direkt auf der Grenze nach Polen. Er ist, um es in den Worten meiner Schwester zu sagen, ein "Dreipinkelweg". Geographen sprechen lieber von einer Europäischen Hauptwasserscheide. Wer auf dem Gipfel Wasser lässt, hat die Wahl, in welchem Meer das Wasser landen soll. Er muss sich nur in die entsprechende Himmelsrichtung drehen.

Auf der polnischen Seite fließt ein Bach zur Oder und in die Ostsee. Ein weiterer Bach landet über die Orlice/Adler und die Elbe in der Nordsee. Die Namen dieser kleinen Bäche kenne ich nicht. Der dritte Bach aber landet im Schwarzen Meer, und der hat einen bekannten Namen. Er heißt Morava (unnötige Eindeutschung: March) und damit genau so wie das östliche Drittel Tschechiens, dessen Lebensader er darstellt (das heißt eingedeutscht aber Mähren). Deshalb ist die Quelle eingefasst und ausgeschildert. Sie kommt aus Kalksteinhöhlen. Ich wollte da eigentlich gern mal hinwandern, aber leider war es für einen Tagesausflug zu weit und ich habe keine Übernachtungsmöglichkeit gefunden.

Erst nach etwa zehn Kilometern taucht die erste Ortschaft auf. Auch sie wurde nach dem Fluss benannt: Dolní Morava (völlig inkonsequente Eindeutschung: Mohrau). Hier liegt ein großes Skigebiet mit außergewöhnlichem Aussichtsturm, Sommerrodelbahnen, Hängebrücke, Escape-Room-Bergwerk und Riesenspielplätzen. Die Bauarbeiten an diesem Erlebnisareal stören die Idylle in den Bergen allerdings massiv. Hoffentlich sind die bald fertig.


Die junge Morava ist noch flach und von Nadelbäumen verdeckt. Aber sie rauscht entschlossen gen Süden, um (neben Elbe und Moldau) einer der wichtigsten Flüsse des Landes zu werden.

Bald darauf öffnet sich das Tal. Aus dem Grenzgebirge wird Hügelland, und aus dem Bezirk Pardubice wird der Bezirk Olomouc. Mein Handy war der Meinung, dieser Übergang sähe in Schwarzweiß besser aus, und wer bin ich, dem zu widersprechen?

Ab durch die Mitte von Mähren!

Zügig steuert die Morava auf die Bezirkshauptstadt zu und durchquert Olomouc (unnötige Eindeutschung: Olmütz). Das ist die größte Stadt an der Morava.

Ruhiger zieht der Fluss zwischen flachen grauen Brücken, Parks und befestigten steinernen Ufern dahin, während orangefarbene Straßenbahnen über sie hinwegrumpeln.

Nur eine Straßenbahnhaltestelle entfernt strömen ihre Nebenflüsse parallel zur Morava dahin. Wer zwischen dem Bahnhof und der Altstadt unterwegs ist, überquert wirklich viele Brücken.

Olomouc ist eine alte Universitätsstadt mit prächtigen Gebäuden und weniger prächtigen Baustellen. Hügelige Straßen laden zum Schlendern und Entdecken ein. Mit etwas Glück entdeckt man sogar einen historischen Platz ohne Baustelle.

Diese Stadt verfügt über ein umfangreiches Sortiment an katholischen Gotteshäusern, vom klassisch-tschechischen weiß verputzten Exemplar über eine gotisch-graue Großstadt-Kathedrale bis hin zu einer kunterbunten Kirche, die man eher in Moskau erwarten würde.

Später durchquert der Fluss Uherské Hradiště. Der Name bedeutet so viel wie "ungarische Festung", denn genau das war der Ort früher. Daraus kann man schon mal schlussfolgern, dass er im Süden Tschechiens liegt.

Es handelt sich auch um eine Art Doppelstadt, denn direkt nebenan liegt eine zweite Stadt mit dem extrem sperrigen Namen Staré Město u Uherského Hradiště ("Alte Stadt bei der Ungarischen Festung"). Zwischen den beiden Städten fließt die Morava.

Uherské Hradiště hat mehrere große, belebte Plätze vor einer hübschen Häuserkulisse. Da standen gerade Buden, an denen Weihnachtsmarktleckereien verkauft wurden.


Am Rande der Innenstadt erstreckt sich ein Park mit einem besonderen Eingang. Solch ein kleines Tor habe ich bisher in keiner Stadtmauer gesehen. Größere Menschen sollten sich ducken.

Außerdem gibt es hier die schmalsten Fahrradstreifen der Welt.

Im Süden fängt die Morava an, ihre Länge zu pimpen, indem sie massiv mäandert. Das macht die Menschen misstrauisch, zumal sie dadurch nicht so gut mit Schiffen fahren können. Deshalb packen sie die Morava in Hochwasserdeiche ein.
Die Morava wird zum Grenzfluss zwischen Tschechien und der Slowakei. Dann fließt die Thaya dazu, der österreichische Grenzfluss, und die Morava trennt nun Österreich und die Slowakei voneinander. Dieser Abschnitt hat nur drei Brücken und eine Fähre. Weitere Fußgänger- und Fahrradbrücken lehnen die österreichischen Anwohner in Bürgerbefragungen regelmäßig ab.
Auf der österreichischen Seite verläuft der Kamp-Thaya-March-Radweg (und der Iron Curtain Trail folgt natürlich derselben Grenze), aber in Tschechien gibt's keinen richtigen Morava-Radweg.
Blick aus der Bahn auf den österreichischen Abschnitt

Zunächst ist der Abschnitt flach, gegen Ende darf er aber doch nochmal durch ein paar braune Felsen brechen. Der Radweg verläuft dort sehr gut ausgebaut zwischen Straße und Fluss.

Überraschenderweise mäandert die Morava noch immer wie verrückt und sieht total naturbelassen aus. Da passt doch gar kein großes Schiff durch! Die pannonische und die karpatische Pflanzenwelt stoßen in diesem Tal aufeinander, und das Ergebnis ist ein quirliges Biotop, in dem für jeden was dabei ist: Reiher, Fische, Biber, Fledermäuse und Amphibien mögen die fließende Feuchtigkeit am Fluss, Weichtiere und Maiglöckchen stehen eher auf stehende Gewässer und tote Flussarme, wer Wald mag, kriegt Auwälder, und wer es noch trockener liebt, hat sogar richtige Steppen und Sandberge.

Wir befinden uns nun schon auf dem Gebiet slowakischen Hauptstadt Bratislava. Etwas separat steht am Ende ein 70 Meter hoher Felsen, auf dem die Burgruine Devín thront. Über andere Ruinen, auf denen von 1300 bis 1400 irgendein Graf lebte, kann dieses nationale Symbol der Slowakei nur schmunzeln - auf Burg Devín ist vom Römischen Reich bis zum Kalten Krieg irgendwas historisch Bedeutsames passiert.

Am Fuße des Felsens, unter einem dekorativen Türmchen, stößt die Morava auf die Donau - und wird erstmal zurückgestoßen, denn die dominante graugrüne Donau drängt ihr Wasser in die Mündung hinein.

Für alle Fälle

Was haben Tschechien und der Fluss Mirna in Kroatien gemeinsam? Sieben Fälle.
Und was haben Tschechisch und Latein gemeinsam? Die Art, wie diese Fälle benutzt werden, jedenfalls ein bisschen.

Der Umgang mit tschechischen Verben ist relativ einfach. Es gibt nur drei richtige Zeitformen (Zukunft, Gegenwart und Vergangenheit, letzteres eine Mischung aus Präteritum und Perfekt), die Verneinung ist geradezu lächerlich einfach (immer ein ne vornedran hängen, fertig) - ja, das Konjugieren geht echt in Ordnung.

Doch die Grundregel beim Sprachenlernen lautet: Wenn irgendwas einfach ist, muss zum Ausgleich etwas anderes ganz knifflig. Und das wären in Tschechien die Substantive und Adjektive.
Falls Sie einmal Lateinunterricht genommen haben: Es ist so ähnlich, nur schlimmer. Im Lateinischen gibt es 5 Deklinationsklassen, in Tschechien hingegen 12, davon 4 sächliche, 4 weibliche und 6 männliche (2 für lebende Sachen, 2 für unbelebte und 2 Extraklassen für spezielle Endungen). Das Ganze gibt es dann noch in der Einzahl und Mehrzahl, das macht insgesamt 168 verschiedene Endungen, also theoretisch. Natürlich wiederholen sich da viele Endungen und natürlich gibt es da auch bestimmte Muster, zum Beispiel sind wie auf Latein bei sächlichen Worten immer 1. und 4. Fall gleich. Nur gibt es von diesen Mustern immer Ausnahmen, und zwar immer gerade so viele, dass es kaum noch Sinn ergibt, die Muster zu lernen.
Viele Fälle werden eigentlich fast nur mit entsprechenden Präpositionen verwendet, und das ist auch gut so, denn nur so lassen sie sich einigermaßen merken.

Ach ja: Während in Deutschland schon in der Grundschule die Begriffe "Nominativ" oder "Genitiv" fallen, werden die in Tschechien allenfalls von Sprachwissenschaftlern benutzt. Alle anderen sagen nur 1. oder 2. pád (Fall).

1. pád (Nominativ)
kdo/co?=wer/was?

z.B. Petr=Peter (ein männliches, lebendiges Wort)

Das ist noch einfach.

2. pád (Genitiv)
(bez) koho/čeho?=(ohne wen/was?) wessen?

bez Petra=ohne Peter
Petra=Peters

Das ist ungewohnt: Mit dem Wort "ohne" muss man den zweiten Fall benutzten. Es heißt zum Beispiel "Ohne des Briefes hätte ich nicht davon erfahren."

3. pád (Dativ)
pro koho/čeho?=(für wen/was?) wem?

(pro) Petra=(für) Peter

4. pád (Akkusativ)
(vidím) koho/čeho?=(ich sehe) wen/was?

(vidím) Petra=(ich sehe) Peter

5. pád (Vokativ)

Petere!=Peter!

Wenn man jemanden ruft oder anspricht, benutzt man auf Deutsch den 1. Fall. Die Tschechen haben dafür hingegen einen Extrafall - Lateiner kennen ihn: Den Vokativ. Aber während er auf Latein fast immer derselbe ist wie der 1. Fall, ist er in Tschechien fast immer anders. Theoretisch existieren sogar Vokativformen für unbelebte Gegenstände, falls ein Dichter mal metaphorisch einen Berg ansprechen möchte. ("O Berg, wie bist du schön!")

6. pád (Lokal)

koho/čeho?=bei wem/was?

(u) Petra=(bei) Peter

Damit wären wir jetzt bei den Fällen, die man gar nicht mehr vernünftig erklären kann. Macht auch nix, denn die kommen eigentlich eh nur mit den entsprechenden Präpositionen vor. Den 6. könnte man mit dem Ablativ des Ortes im Lateinischen vergleichen.

7. pád (Instrumental)
(s) kým/čím?=mit wem/was?

(s) Petrem=(mit) Peter

Und der 7. ist so was wie der Ablativ des Mittels.

Samstag, 1. August 2020

9 Sehenswürdigkeiten in Tschechien und ihre deutschen Gegenstücke

An einigen Orten in Deutschland habe ich auf einmal das Gefühl: Hm, das kenne ich doch irgendwoher? Dann fällt mir ein, dass es mich an einen Ort erinnert, der hunderte Kilometer entfernt ist.

Sky Bridge 721 Dolní Morava/Skywalk Willingen

Vom selben Hersteller stammen diese atemberaubenden Riesenhängebrücken mit Gitterboden (praktisch, dann kann man nur dann durchgucken, wenn man senkrecht nach unten blickt - wäre das Ding völlig durchsichtig, wäre es wohl zu heftig). Kaum hatte die Brücke im Willingen als längste Fußgängerhängebrücke der Welt geöffnet, kam auch schon das ehrgeizige Dolní Morava und jagte Hessen den Rekord wieder ab. Verängstigte Touristen latschen über eine grüne Schlucht aus Nadelwald und genießen den Blick oder überlegen, ob sie direkt umkehren sollen. Riesige Stahlseile halten das schwankende Monster. Gebucht wird online oder über moderne Kassenautomaten.

Unterschied: In Tschechien ist das Ende eine Sackgasse in einem Gitterkäfig, man muss zwangsläufig umkehren. In Deutschland kann man dagegen raus und irgendwann später im Tag mit demselben Ticket wieder zurück - also keine reine Attraktion zum stumpf ansteuern und abklappern, vielmehr lässt sie sich in eine echte Wanderung einbinden.

Jüdischer Friedhof Kolín/Worms

Ein Wirrawarr uralter Grabsteine, die im Nebel wie schiefe Zähne aus dem Boden ragen? Verziert mit geheimnisvollen Schriftzeichen? Das sind der größte (Worms) und zweitgrößte (Kolin) jüdische Friedhof Europas.

Unterschied: In Worms kann man so reingehen, in Kolin muss man erst den Schlüssel abholen. In Worms fährt die Bahn gleich nebenan.

 

Dolní Vítkovice Ostrava/Landschaftspark Duisburg Nord

Die Hochzeit der Industrialisierung ist längst vorbei, unser Stahl wird in China produziert. Was machen wir also mit den alten Hochöfen? Sowohl die Menschen in Ostrava als auch in Duisburg kamen zu dem Schluss, dass man da irgendwas Spektakuläres draus machen sollte, statt es abzureißen oder verfallen zu lassen. Denn sobald ein paar Jahrzehnte vergangen sind, ist das für die meisten Menschen kein scheußlicher Arbeitsplatz mehr, sondern eine faszinierende Kulisse für Instagram-Fotos.

Unterschiede: In Duisburg ist ein Park drumherum, in einem Bunker laichen Kreuzkröten und es wachsen alpine Pflanzen. In Ostrava beschränkt sich die Pflanzenwelt auf ein paar Grashalme unter sinnlosem Kunstschnee. Das Gasometer ist in Ostrava eine Veranstaltungshalle, in Duisburg ein Tauchbecken. In Duisburg darf man rund um die Uhr einen Hochofen besteigen, in Ostrava nur mit Führung. Dafür hat Duisburg keinen modernen Bolt-Tower mit Cafe auf dem Hochofen drauf. Außerdem muss man sich alles selbst auf langen Hinweistafeln durchlesen, statt dass es ein Führer erklärt. Im Sommer ist in Ostrava eine Fahrt mit der Lore vom Hochofen runter inklusive.



Pferdeschwanz am Vaclavské Náměstí/Weltzeituhr am Alexanderplatz

Wenn man sich auf dem größten Platz der größten Stadt verabredet, benötigt man einen konkreten Treffpunkt. Prager treffen sich "unterm Schwanz" ihres Königs, also von dessen Pferd. Deutsche treffen sich pragmatisch unter einer Uhr. So wissen sie gleich, wie viel Verspätung der andere hatte.

Unterschied: Der Pferdeschwanz zeigt nicht die Uhrzeit in New York an.


Schlosspark Letohrad/Pfalzgarten Goslar

Eine alte Parkanlage, umgeben von bröckeligen Mauern? Das kenne ich doch irgendwoher.

Unterschiede: Der Letohrader Park ist deutlich größer und hat eine Drachengrotte mit Drachen, aus dessen Maul der Fuß einer Prinzessin ragt.
 

Katakomben Mělník/Oppenheimer Kellerlabyrinth

Wer durch die Straßen einer wunderhübschen bunten Kleinstadt schlendert, weiß zunächst nicht, was sich unter seinen Füßen verbirgt. Erst wenn er sich in der Touristinfo zu einer Führung anmeldet, kann er die enge Treppe nach unten steigen und entdeckt die tiptop restaurierte, saubere Unterwelt: Das geheime Innenleben, Lager und der Rückzugsort einer Handelsstadt, deren Oberfläche vor allem während der Renaissance von Kriegen heimgesucht wurde. Eine nette alte Dame erklärt die Geschichte der Gänge.

Unterschiede: In Deutschland trägt man unter dem Helm ein Hygienehäubchen, derlei ist in Tschechien unbekannt. Das deutsche Labyrinth ist größer, hat aber keinen riesigen Brunnen.

Burg Bouzov/Marksburg

Diese hochgelegene, vergleichsweise farbenfrohe Burg kann man nur während einer Erwachsenen- oder sehr kinderfreundlichen Führung besichtigen. Die mittelalterbegeisterten Kinder dürfen anschließend den Merchandise-Shop leerkaufen.

Unterschiede: Burg Bouzov ist noch bunter. Auf ihr wurden Märchenfilme gedreht, auf der Marksburg Löwenzahn.

 

Schneekoppe/Zugspitze

Der höchste Berg der Republik liegt exakt auf der Grenze und gehört zur Hälfe einem eng verwandten, aber doch etwas anderen Nachbarland (Polen/Österreich). Obendrauf steht ein Komplex nicht gerade schöner Gebäude. Eine lange Kabinenbahn gondelt nach oben, mit deren Hilfe jeder Staatsbürger den höchsten Gipfel seiner Nation betreten kann, auch wenn er nicht wandern kann oder mag.

Unterschiede: So ziemlich alles andere, grob gesagt eben der Unterschied zwischen Hoch- und Mittelgebirge. Dieser Unterschied beträgt 1358,8 m. Er führt dazu dass
a) wie der Name schon sagt, der eine Berg eine Spitze ist und der andere eine rundliche Koppe
b) ich für die Besteigung der Zugspitze dreimal so lange benötige, selbst wenn ich zwischendurch Seilbahnen zur Abkürzung nutze.


Ich habe überlegt, ob ich die Schneekoppe nicht lieber dem Brocken gegenüberstellen sollte. Optisch sind die sich ähnlicher. Aber so ganz passt das auch nicht.

Aquapark Žamberk/Olantis Huntebad Oldenburg

In diesen Freibädern darf man sowohl im Becken als auch in einem Naturfluss (Orlice/Hunte) schwimmen. Hätte gar nicht gedacht, dass so etwas auch in Deutschland so einfach geht.

Unterschiede: In Deutschland muss man halt nur vorher einen neuen Flussarm bauen, über den die Mühlenhunte außenrum fließen kann, den Fluss auf der einen Seite mit großen Steinen abdichten und auf der anderen Seite mit einem Netz, das an einem Steg hängt, und einen flachen Sandstrand aufschütten. Da sage noch einer, in Deutschland sei immer alles so kompliziert.

Freitag, 1. März 2019

Gastbeitrag einer Austauschschülerin

Es war ein seltsames Gefühl, für ein halbes Austauschjahr in die vertraute Fremde zu gehen. Mittlerweile weiß ich schon nicht mehr genau, wo ich hingehöre. Bin ich ein deutsches Stadtkind? Oder ein tschechisches Dorfmädchen? Ich denke, dass ich beides brauche, um glücklich zu sein. Momentan genieße ich die Möglichkeit, jeden Tag in der Natur zu sein, wunderschöne Sonnenuntergänge und Sternenhimmel zu betrachten, mit Freunden in niedliche Cafés zu gehen, in den Schulpausen abwechselnd selbstgebackenen Kuchen zu probieren und ansonsten ganz einfach auf mich gestellt zu sein. Und das auch in Bezug auf den Kühlschrank, aus dem nicht mehr einfach so mein Lieblingsjoghurt auftaucht. Jetzt muss ich ihn nämlich vorher kaufen.
In der Schule genauso wie im Tanzkurs habe ich viele neue Freunde gefunden, so dass ich gar nicht an den Abschied im Februar denken möchte, wo wiederum meine vermissten deutschen Mädchen warten.

Lustigerweise habe ich mich sofort mit einer kleinen Gruppe charmanter und humorvoller Jungs aus meiner Klasse verstanden. Ich nenne sie charmant, weil sie mir als gut erzogene Tschechen mit ernstem Gesicht in den Mantel helfen wollen oder sozial, wie sie sind, die Türen aufhalten. Wenn ich mich als selbständiges Mädchen dem zu widersetzen versuche, habe ich keine Chance.
Besonders glücklich macht es mich, dass mittlerweile niemand mehr richtig erkennt, dass ich nicht dieselben Erfahrungen mit der Sprache habe wie die anderen. Wenn ich noch ein paar Fehler mache, will ich sie unbedingt verbessert haben. Im Tschechischen gefallen mir die Verniedlichungsformen (Diminutiv) so gut. Jedes Wort erhält nämlich ein „-ček/-čka/-ičky“ angehängt (entspricht „-chen“ oder „-lein“), egal ob die Dinge wirklich niedlich sind. Eine Pfanne kann über drei Kochplatten reichen, sie ist immer noch ein „Pfännchen“-„pánvička“, die großen Jungs tragen beim Tanzkurs weiße „rukavičky“ – Handschuhchen (ungelogen).
Die beinah erste Frage, die mir hier in der Klasse gestellt wurde, war, welche tschechischen Schimpfwörter ich kenne und ob ich ihnen ein paar deutsche beibringen könnte. Jetzt kursiert in der Schule das erfundene Wort „Stranke“, welches ich als schlimmstes deutsches Schimpfwort vermarktete.

Die Mutter dazu:
Sie ruft gern zu Hause an und meldet sich ansonsten, wenn es um den Wunsch nach neuen Kleidern geht. Im Tanzkurs tragen die tschechischen Mädchen nämlich dem Vernehmen nach niemals dasselbe Kleid. Da man sich den Gebräuchen eines Landes anpassen sollte, wird fleißig online bestellt.
„Ach, du denkst nur noch an Kleider!“
„Das stimmt ja nun wirklich nicht! Im Moment denke ich an einen Mantel!“

Das nähere Deutschland

Ich frage eine Gruppe tschechischer Jugenddlicher, wer schon einmal in Deutschland war. Es meldet sich kaum jemand. Dann frage ich, wer schon einmal in Österreich war - und die Hände schießen nach oben.
Das beschreibt ganz gut, mit welchem deutschsprachigen Land sich die Tschechen am meisten verbunden fühlen. Kein Wunder - beide Länder haben eine viel längere gemeinsame Grenze. Aus dem Süden sind Tagestrips nach Wien und Linz durchaus machbar, und auch zum Skiurlaub geht es häufig über die Südgrenze, denn die Berge dort sind einfach noch eine Nummer größer. Österreicher wiederum können auch gut mal für einen Tag nach Tschechien fahren, um das schöne Český Krumlov zu besichtigen oder Drogen zu kaufen.
Deshalb lernen die meisten Schüler die deutsche Sprache auch nicht für Deutschland, sondern für den südlichen Nachbarn. (Ausgenommen von alldem sind natürlich Regionen, die unmittelbar an Deutschland grenzen, beispielsweise bei Ústí. Die obigen Beobachtungen habe ich an Orten gemacht, die von Deutschland und Österreich etwa gleich weit entfernt sind.)
Selbst sprachlich liegt Österreich näher an Tschechien. Während man in Deutschland zum Beispiel auf ein Klopfen mit "Herein!" antwortet, sagt man in Österreich "Kommen Sie weiter." - eine wörtliche Übersetzung des tschechischen "Pojd'te dál."