Sonntag, 18. März 2018

Tschechische Farben

Als Gott Tschechien bemalte, setzte er einige Farben besonders großzügig ein.
Auf dem Land gibt es viele Häuser, die weder schick verputzt noch verkleidet sind, sondern einfach nur grau. Diese grob-grauen Wände sind für mich sehr, sehr typisch tschechisch. Ich nenne die Farbe Böhmisches Grau.
Es ist keine besonders schöne Farbe, aber sie gehört einfach dazu.




Die Scheunen hingegen sind in Dunkelholz gehalten.
Die runden Gartenpools werden von innen in hellem Poolblau angestrichen, denn Wasser hat nun mal blau zu sein (obwohl es durchsichtig ist). Die Außenseiten sind poolschwarz mit einem dunklen Gummiring am Rand und saugen im Sommer so viel Sonnenlicht auf, dass man sich daran die Hände verbrennen kann.



Wenn man sich nicht ausreichend um den Pool kümmert, wird er algengrün.



Hinter dem Grauweißnebel liegen feuchtgrüne Wälder.



Wenn im Winter viel Schnee liegt, dann ist Tschechien schneeglitzerweiß.




Im Zuge der globalen Erwärmung allerdings ist der winterliche Schneefall nicht mehr so zuverlässig wie früher, deshalb sieht heute oft unter einer spärlichen Schneeschicht Grüngraugras hervorlugen, das auf den Frühling wartet.

Samstag, 17. März 2018

6 Stufen böhmischer Burgen


1. Versteckter Steinhaufen
Hier braucht man Phantasie! Diese Ruine im Wald bei Klášterec nad Ohří ist kaum noch als solche zu erkennen. Wenn man auf den Berg gewandert ist, braucht es Geduld, um zwischen Baumwurzeln, Erde und Felsen ein paar steinerne Überreste zu finden - und dann zu vermuten, was genau diese Überreste mal waren. Immerhin hat man es dabei schön schattig.

Unten im Dorf gibt es einen Lebensmittelladen ohne Kassiererin. Nachdem wir minutenlang gewartet und gerufen hatten, gingen wir unverrichteter Dinge wieder raus. Im Prinzip hätten wir den Laden ausräumen können, ohne dass es jemandem aufgefallen wäre.


2. Erkennbarer Steinhaufen mit Häuschen
Die Burgruine von Potštejn wurde von einer deutschen Familie erworben, die dort nach vergessenen Schätzen graben wollte. Dabei zerstörten sie aber die Fundamente und die Burg stürzte ein, sodass man auch hier einiges an Fantasie braucht. Wo früher die Burgkapelle stand, hat man heute wieder ein Kapellenhäuschen errichtet.
Man kann nur im Rahmen einer Führung zwischen den alten Steinmauern herumlaufen.


3. Steinhaus und Steinhaufen
Da ist diese Ruine schon eher als Burg zu erkennen, denn das Hauptgebäude wurde wiederhergestellt. So kann man durch leere Steinzimmer laufen und muss sich nur noch die mittelalterlichen Möbel vorstellen. Im Sommer finden hier Mittelaltermärkte und Puppentheater statt, etwa Der Glöckner von Notre Dame in einer kindgerechten Version.


4. Eigentlich vollständige Burg
Die Burg in Náchod bietet von außen aufgemalte Steinblöcke und von innen teils langweilige (Geweihe, kiloweise Porzellan), teils kuriose (das Bild eines dreibeinigen Mannes von einem betrunkenen Maler) Ausstellungsstücke.


5. Stadtburg
In Prag und Český Krumlov stehen zwar die größten Burgen des Landes, und sie sind ja in der Tat verdammt riesig, aber... naja, gerade das Ding in Prag sieht gar nicht so sehr wie eine Burg aus, sondern eher wie eine ziemlich großer Ansammlung ziemlich großer Gebäude mit ziemlich großen Innenhöfen. Und mittendrin ein noch größerer Dom, der gar nicht so zum Drumherum passt.


6. Vollständige Burg mit dem gewissen Etwas
Meine Lieblingsburg ist stattdessen die Burg Bouzov im nordöstlichen Tschechien, denn die sieht nicht nur fröhlich und bunt, sondern vor allem einfach... burgig aus. Kein Wunder, dass hier viele Märchenfilme gedreht wurden. Die Burg gehörte diversen tschechischen Adelshäusern und wurde später an den deutschen Ritterorden verkauft.
Südwestlich von Prag liegt die Burg Karlštejn, laut einigen die sehenswerteste Burg des Landes. Da war ich zwar noch nicht, aber von den Bildern her könnte ich sie ebenfalls in diese Kategorie einordnen.
In Bouzov kommt so richtig Mittelalter- und Märchengefühl auf, auch wenn das echte Mittelalter natürlich weder so bunt noch so schön wie diese Burg war.


Donnerstag, 15. März 2018

Dorfdurchsagen

Dorfdurchsagen sind ein außergewöhnliches, manchmal nerviges und, wie vielleicht manch einer sagen würde, unnötiges Relikt aus einer vergangenen Zeit, in der es noch kein Internet gab. In Deutschland habe ich von so etwas bisher noch nicht gesehen oder gehört, und auch in Tschechien gibt es das ziemlich selten.

In regelmäßigen Abständen sind im Dorf Lautsprecher an Strommasten installiert, die ihren Strom über ein kleines Kabel direkt von oben beziehen. Und manchmal ertönt aus diesen Lautsprechern Musik. Im Prinzip kann es sich um jede Art von Musik handeln, aber leider, leider kommt da meistens nur so eine Art Schlager raus. Und deshalb löst die Musik bei Menschen, die Schlager nicht so mögen, meist folgenden Gedanken aus: Oh, das Fenster ist ja noch auf! Schnell zumachen!

Nach der Musik ertönen drei äußerst unangenehme, schrille Pieptöne, die signalisieren sollen: Musik ist vorbei, alle mal herhören!

"Zdravím vás z obecního úřadu..."
"Ich grüße Sie aus dem Gemeindeamt."

Es folgen dann wichtige Nachrichten wie:
"Der Gärtnerverein trifft sich zur Vereinssitzung am Mittwoch um 18 Uhr im Gasthaus an der Kirche."
"Es gibt noch freie Plätze für die Fahrt am 10. November nach Dresden und zum Schloss, wo Drei Haselnüsse für Aschenbrödel gedreht wurde." Ah, das erklärt, warum zuvor die entsprechende Musik gespielt wurde. "Wir brechen mit dem Bus morgens um 6 auf und kommen abends um 11 an. Preis: 600 Kronen. Für Mitglieder des Gärtnervereins: 500 Kronen. Für Mitglieder der Freiwilligen Feuer 350 Kronen. Anmeldung im Gemeindeamt."
Auch die Wahlergebnisse innerhalb des Dorfes werden so direkt nach der Auszählung mitgeteilt. Da habe ich dann ganz genau zugehört.

Anschließend heißt es:
"Opakuji hlášení."
"Ich wiederhole die Durchsage." Und genau das das tut sie.

Und schließlich:
"Konec hlášení."
"Ende der Durchsage."


Leider versteht man all das nur wirklich gut, wenn man zufällig direkt unter solch einem Lautsprecher steht. Die Dinger sprechen nämlich nicht alle gleichzeitig, sondern verzögert. Wenn man auf halber Strecke zwischen zwei Lautsprechern steht, dann ist einer davon mehrere Sekunden hinterher, sodass gegebenenfalls nur Kauderwelsch in den Ohren ankommt.

Später habe ich einen solchen Lautsprecher auch verborgen im Lappwald in Sachsen-Anhalt entdeckt. Offenbar gab es die auch in der DDR. Da wurden sie einfach abgeschafft, aber in Tschechien wurden sie demokratisiert und haben es irgendwie ins Zeitalter des Internets geschafft.


Soviel dazu. Ende der Durchsage.


Mittwoch, 14. März 2018

Die Punkva-Höhlen

Das Erstaunlichste, was ich je in Tschechien gesehen habe, sind diese Tropfsteinhöhlen namens Punkevní jeskyně im Mährischen Karst (Moravský kras), nördlich von Brno.

Die Höhlen haben einen Trocken- und einen Wasserteil. Zuerst kommt der Trockenteil.
Im Eingangsgebäude bezahlt man ein Heidengeld und wird dann in einer Gruppe gleich abwärts geführt. Über Metalltreppen, Stege und steinerne Böden geht es tief hinein in den Berg.

Dabei gibt es Seen zu sehen, und natürlich Tropfsteine. Die Höhlen werden immer spektakulärer, sind stimmungsvoll beleuchtet und an bestimmten Stellen erklingt sogar Musik, etwas das Ave Maria.

Der Führer kann die Beleuchtung auch abstellen. Dann sieht die Höhle ungefähr so aus.

Und dann kommt man wieder an die Oberfläche... oder? Nicht ganz.

Man betritt vielmehr den Grund einer 138 Meter tiefen Schlucht bzw. Doline, die entstand, als hier vor langer Zeit eine große Höhle einstürzte. Die Schlucht heißt Macocha (Stiefmutterschlucht). Der Sage nach wollte hier eine Stiefmutter ihr nicht leibliches Kind runterschubsen, aber der Junge verfing sich an einer Wurzel und überlebte. Als das Dorf davon erfuhr, sprang die Stiefmutter selbst dort runter.
Mittlerweile haben sich hier über 50 Menschen das Leben genommen.
So sieht die Macocha von oben aus...

...und so von unten.
Am Grund herrscht eine seltsame, mystische Atmosphäre. Man weiß gar nicht, ob man jetzt über oder unter der Erde ist.

Diese kleine Pfütze ist eiskalt und extrem tief, also lieber nicht baden gehen.

Dann folgt der Wasserteil der Höhle. Hier geht man nicht zu Fuß, sondern fährt mit Booten auf dem Fluss Punkva. Hinten sitzt der Steuermann und ruft: "Ducken! Vorsicht, links! Jetzt rechts!" Man sollte seinen Anweisungen lieber Folge leisten, sofern man nicht mit dem Kopf volle Kanne gegen einen Tropfstein knallen möchte.
An einer Stelle steigt man nochmal aus, um sich weitere Tropfsteine in einer Nebenhöhle anzusehen.

Schließlich verlassen die Boote gemeinsam mit dem Fluss die Höhle und man tritt blinzelnd ins Tageslicht.

Dienstag, 13. März 2018

Wie man eine tschechische Dorfkneipe leerfuttert

Sie sind mit einer großen Gruppe irgendwo in einer dünn besiedelten Gegend Tschechiens und haben tierischen Hunger? Kein Problem. Suchen Sie die nächste Dorfkneipe auf und befolgen Sie einfach folgende Schritte.

1. Betreten Sie die Kneipe alle auf einmal und besetzen Sie laut redend sämtliche Tische. So fällt dem Wirt, der heute damit gerechnet hat, nur einige Feierabendbiere auszuschenken, vor Schreck die Kinnlade herunter.

2. Es wäre hilfreich, wenn zumindest einer in der Gruppe etwas Tschechisch kann. Ansonsten versuchen Sie, sich mit dem Wirt auf Englisch zu verständigen (viel Glück). Übersetzen Sie mühevoll die fünf Gerichte, die auf der Kreidetafel in der Ecke stehen, für alle Anwesenden.

3. Lassen Sie alle aus ihrer Gruppe ein Gericht auswählen. Erfahren Sie erst dann vom Wirt, dass a) die Köchin erst in einer halben Stunde da ist, b) die ersten Gerichte dann erst in einer Stunde (die Suppe in 45 Minuten) fertig wären und c) jedes Gericht nur 3-6 mal verfügbar ist. Lassen Sie sich davon nicht aufhalten.

4. Bestellen Sie alles!

5. Machen Sie eine Liste auf Ihrem Smartphone mit der Anzahl der verfügbaren Gerichte und geben Sie diese an die gesamte Gruppe weiter, damit sich jeder überlegt, was er davon haben möchte.

6. Warten Sie und bestellen Sie dabei Getränke, damit der Wirt auf Trab bleibt.

7. Bei der Verteilung des Essens heißt es kreativ und kollektivistisch sein. Wenn die ersten Suppen kommen, haben alle schon so extremen Hunger, dass jeder etwas abbekommen sollte. Und das restliche Essen sollte dann der Fairness halber ebenfalls herumgereicht und geteilt werden. So kann man auch alles probieren.

8. Bezahlen Sie, damit die überarbeitete Köchin und der bedauernswerte Wirt, der heute Abend seiner Stammkundschaft kein Essen mehr vorzusetzen hat, zumindest finanziell erfolgreich aus der Sache ausgehen. Geben Sie Trinkgeld.

Ein Riesenspaß (gut, außer Schritt 8) und ein unvergessliches Erlebnis für die ganze Reisegruppe!

Sonntag, 11. März 2018

Die Standard-Kirche

Für Kirchen in Dörfern und Kleinstädten gelten in Tschechien nachfolgende Regeln. Lediglich Großstädte können in Ausnahmefällen auch mal eine große gotische Kathedrale haben, die gegen die Regeln verstößt (ausgenommen Regel Nummer 3).





1. Die Kirche muss verputzt und farbig bemalt sein. Man darf auf keinen Fall Mauerwerk sehen.
2. Die Kirche soll von innen und außen wie neu aussehen.
3. Die Kirche muss katholisch sein.
4. Holzbänke mit einer Leiste im Fußbereich sind zwingend notwendig, damit sich auch ältere Leute hinknien können.
5. Teppichboden ist wichtig.
6. Im Turm oben sind kleine Fenster. Beim Mittagsgeläut werden die Fensterläden manchmal aufgeklappt.
7. Und vor allem muss die Kirche so eine Art böhmischen Zwiebelturm haben.


Samstag, 10. März 2018

Gewalt ist eine Lösung

In Tschechien ist es verboten, seine Frau zu schlagen.
In Tschechien ist es verboten, seinen Hund zu schlagen.
In Tschechien ist es erlaubt, sein Kind zu schlagen.

Echt jetzt? Echt jetzt.

Das machen natürlich nicht alle. Aber schon manche. Als Strafe. Auch bei älteren, eher jugendlichen Kindern, die etwa abends zu spät von der Disco nach Hause kommen.
"Mir hat es ja damals auch nicht geschadet."

In der Kinderserie Bylo nás pět ("Wir waren fünf") geht es um fünf Jungs, die stets irgendwelchen Mist bauen und anschließend unter lauten Schmerzensschreien und dramatischer Musik verhauen werden. Verstörend.